Nachhaltig zum Erfolg - der Outdoor-Pionier VAUDE

Shownotes

Es geht um Nachhaltigkeit.

Und zwar um ein Unternehmen, das sich diesen Begriff ganz groß auf die Fahnen schreibt. Im Zuge des Generationenwechsels an der Firmenspitze, hat die VAUDE Sport GmbH & Co. KG den gesamten Betrieb auf Nachhaltigkeit umgestellt. Von internen Prozessen über die Rohstoffe ihrer Zulieferer bis zur Gründung einer eigenen Academy. Welche Herausfoderungen sie meistern mussten und ob sich dieser Umstieg gelohnt hat, hören Sie in dieser Episode.


Zu Gast:

Erwin Gutensohn - Geschäftsleitung Finanzen, VAUDE Sport GmbH & Co. KG

Thomas Kind - Berater für nachhaltige Finanzen, Landesbank Baden-Württemberg

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Skript: Nachhaltiges Wirtschaften – Beispiel Vaude

INTRO

Anmoderation

Heute geht es um Nachhaltigkeit.

Und zwar um ein Unternehmen, das sich diesen Begriff ganz groß auf die Fahnen schreibt.

Aber bevor wir dazu kommen, müssen wir vielleicht erst mal kurz etwas klären: „Nachhaltig“ – dieses Wort begegnet uns heute inzwischen überall. Aber was bedeutet es eigentlich?

Ursprünglich stammt es aus der Forstwirtschaft und ist schon mehrere hundert Jahre alt. Nur so viel Holz zu schlagen, wie auch nachwachsen kann – um den Bestand des Waldes langfristig zu erhalten – das ist nachhaltig.

Und heute?

Geht es bei der Nachhaltigkeit vor allem darum, die jetzigen Bedürfnisse zu befriedigen ohne den künftigen Generationen dabei die Lebensgrundlage zu entziehen.

Nachhaltigkeit – dabei geht es um ökologische Dimensionen, aber auch um ökonomische und soziale Aspekte.

Und all diese Aspekte sind einem Unternehmen aus Tettnang in Baden-Württemberg besonders wichtig.

DROP

Als erstes muss ich jetzt mal etwas zugeben: Es gibt Unternehmen, bei denen nicht jeder sicher ist, wie sie eigentlich ausgesprochen werden.

Heißt es zum Beispiel „Naik“ – oder „Naikey“? [Nike]

Sagt man „Lewis“ oder „Lihwais“? [Levi’s]

Und genau so ging es mir auch immer mit unserem heutigen Unternehmen.

Wissen Sie es?

Buchstabiert wird es „V – A – U – D – E“

O-TON Gutensohn: „Ich bin jetzt seit 30 Jahren im Unternehmen und seit 30 Jahren ist es DAS Thema. Wir haben schon Poster gemacht, in dem sich Lippen zu bewegen schienen, um den Namen richtig auszusprechen. Aber es ist tatsächlich zurückzuführen auf den Albrecht von Dewitz, den Gründer, der seinen Namen als Kürzel verwendet – zu Vaude.“

… in Frankreich sagen viele zum Beispiel trotzdem bis heute noch „Vohd“, erzählt Erwin Gutensohn. Er ist der Finanzchef vom Outdoor-Ausrüster Vaude.

O-TON Gutensohn: „Wir entwickeln, produzieren und vertreiben Artikel für den Bergsport und für den Outdoorsport. Das heißt also: Rucksäcke, Schlafsäcke, Zelte, Bekleidung, Schuhe. Wir sind auch sehr stark im Bike-Bereich. Das heißt, wir fertigen in Obereisenbach in einer eigenen Manufaktur hochfrequenzverschweißte Fahrradtaschen. Wir entwickeln dort auch Bekleidung und Bikeschuhe und sind in beiden Bereichen sehr, sehr erfolgreich. Ein kleiner Bereich sind auch so kleine Taschen – Umhängetaschen – die nennen wir Bags’n Packs.“

Gegründet wurde Vaude durch Albrecht von Dewitz im Jahr 1974.

35 Jahre später, also im Jahr 2009 übergab er die Geschäftsführung an seine Tochter Antje. Und auch wenn das Thema Nachhaltigkeit vorher schon durchaus an einigen Stellen eine Rolle spielte – mit dem Wechsel an der Spitze wurde vieles richtig umgekrempelt, erinnert sich Erwin Gutensohn an die erste große Sitzung.

O-TON Gutensohn: „Antje von Dewitz hat ganz klar gesagt: Ich bin nicht mein Vater, ich bin kein Gründer, ich bin auch kein Techniker, sondern ich habe andere Werte in mir, und ich möchte diese Werte auch anders leben und so kam sie ganz schnell auf das Thema Nachhaltigkeit. Das ist ein Thema, was sie einfach treibt. Das heißt: Für die Mitarbeiter hieß es danach, auch nach Work-Life-Balance zu arbeiten, die Produkte sollten damals schon in der weiteren Planung umgestellt werden, wir wollten eine komplett neue Strategie fahren. Albrecht von Dewitz war Gründer, der war sehr Produkt-lastig, hat stark Produkte entwickelt. Und Antje war von ganz anderen Dingen getrieben, die einfach uns allen sehr sympathisch waren. Wir alle Mitglieder der Geschäftsleitung haben viele Kinder und wollten da auf dem Weg einfach sicherstellen, dass es diesen Kindern in der Zukunft auch gut geht.“

Dieser Schritt allerdings war alles andere als einfach. Der Plan, ein nachhaltiges Unternehmen zu werden, bedeutete, dass alles auf den Kopf gestellt werden musste.

Deshalb wurde zuerst ein Ziel formuliert. Und das lautete: Wir wollen innerhalb von fünf Jahren die nachhaltigste Firma Europas werden.

Dafür brauchte es zum Beispiel eine neue Organisationsstruktur.

Bis dahin gab es gerade mal eine Handvoll Führungskräfte bei Vaude. Unter der Leitung ihrer neuen Chefin aber sollten alle an einem Strang ziehen. Es brauchte neue Strukturen.

O-TON Gutensohn: „Das heißt, wir haben die folgenden fünf Jahre circa 40 Führungskräfte ausgebildet und allen Führungskräften auch beigebracht, wie in einem Vertrauensverhältnis geführt werden soll, was die Nachhaltigkeitsstrategie auch produktseitig bedeutet, was die Nachhaltigkeitsstrategie auch kostenseitig bedeutet und haben auf dem Weg versucht, alle Mitarbeiter mitzunehmen.“

Die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit bedeutete aber nicht nur intern einen langwierigen Prozess. Auch mit Produzenten und Zulieferern musste die neue Strategie besprochen werden. Und natürlich auch mit den Banken.

Das sei nicht ganz einfach gewesen, erzählt Gutensohn, wenn er an die ersten Schritte auf diesem langen Weg zurückdenkt.

O-TON Gutensohn: „Wir hatten gerade am Anfang nach dieser Sitzung einen Termin mit den Banken. Und das war damals sehr prägend. Zu dem Zeitpunkt hatte keine der Banken einen Nachhaltigkeitsbericht. Und als wir denen erzählt haben, dass unser Schwerpunkt Nachhaltigkeit sein wird, kam – Originalton – eine der Banken: Damit kannst Du kein Geld verdienen. Also uns wurde es nicht einfach gemacht, die Strategie dann in der Zukunft auch umzusetzen. Die Banken waren sehr, sehr skeptisch.“

An dieser Stelle muss ich jetzt kurz mal einen Schnitt machen und jemand anderen vorstellen: Thomas Kind von der Landesbank Baden Württemberg.

Er ist zertifizierter Unternehmensberater für nachhaltige Finanzen und hat damals auch schon Vaude betreut.

Über den Outdoor-Ausrüster sagt der Banker heute in puncto Nachhaltigkeit:

O-TON Kind: „Vaude ist seit vielen Jahren ein Vorreiterunternehmen in dieser Branche in Sachen Nachhaltigkeit. Das setzt sich um beispielsweise im Zuge der Unternehmensführung, aber auch beispielsweise in einer seit vielen Jahren auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmensstrategie, die sich letztendlich dann in alle Funktionsbereiche des Unternehmens reinverästelt. So dass wirklich bis rein in die DNA, um das mal im bildlichen Sinne zu beschreiben, das Unternehmen von Nachhaltigkeit von oben bis unten oder von links nach rechts komplett durchdrungen ist. Und in dieser Breite und Tiefe, das ist ein ganz wesentlicher Faktor, warum dieses Unternehmen so erfolgreich agiert – seit vielen Jahren.“

Und damals – als es bei einem Treffen mit den Bankern zum ersten Mal in aller Deutlichkeit um die Nachhaltigkeit ging und jemand sagte, damit könne man kein Geld verdienen – da muss ich natürlich fragen: War das auch von der Sparkasse zu hören?

O-TON Gutensohn: „Nein, das war kein Sparkassenbanker – aber ich möchte nicht sagen, welche Bank das damals war. Ich kann an der Stelle sagen, dass der Herr Kind von der Landesbank Baden-Württemberg damals einer der wenigen war, die sofort begriffen haben, dass das die Zukunft ist und das Thema in unserem Sinne aufgenommen hat.“

Heute habe sich das Verständnis auch bei den anderen Banken deutlich verändert, sagt Vaude-Finanzchef Gutensohn.

O-TON Gutensohn: „Heute haben wir denen in den letzten zehn Jahren gezeigt, wie es gehen kann; dass so eine Strategie durchaus sehr, sehr erfolgreich sein kann; dass man Nachhaltigkeit als Strategie bezeichnen muss und zwar als Unternehmensstrategie. Das heißt, es muss von oben ganz deutlich sein: Wir haben die Unternehmensstrategie „nachhaltig“ – alles was wir im Unternehmen tun, wird diesem Begriff unterworfen, gnadenlos. Und dann stellte sich auch der Erfolg ein, den wir über die Jahre danach hatten. Wir haben unsere Banker sehr schnell überzeugen können, dass das, was wir tun, gut ist. Und heute machen wir einmal im Jahr einen Round Table mit den Banken und den Vorständen, in denen die uns an den Lippen hängen und wir nicht über Zahlen reden, sondern nur über Strategie.“

Das liegt vermutlich unter anderem auch daran, dass das Thema Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren für viele Unternehmen eine deutlich gewachsene Bedeutung bekommen hat.

So erlebt es zum Beispiel auch Thomas Kind als Unternehmensberater für nachhaltige Finanzen. Zwar hätten sich noch nicht so viele Firmen den Begriff als zentrale Leitlinie vorgegeben …

O-TON Kind: „Dennoch sind sie auf einem nachhaltigen Transformationsweg oder vielleicht schon letztendlich an einem Transformationsziel angekommen. Zur Verdeutlichung ein Beispiel: Die Automobilindustrie spricht vielleicht weniger über Nachhaltigkeit, aber sie spricht eben über Themen wie Elektrifizierung, Veränderung von Mobilitätskonzepten, dahinter steckt natürlich letztendlich auch als Antrieb das Thema Klima und Klimawandel. Aber da finden sie jetzt nicht so prominent diesen Begriff der Nachhaltigkeit, aber im Kern geht’s eben darum. Bei anderen Unternehmen, da steht das Thema Nachhaltigkeit tatsächlich auf dem Etikett drauf, darum geht’s dann auch in der Äußerung…“

Generell sei es zwar schwer zu verallgemeinern, bei welchen Unternehmen sich nachhaltiges Handeln als Ziel schon besonders durchgesetzt habe, sagt Kind. Aber er sieht durchaus eine klare Tendenz – natürlich mit den berühmten Ausnahmen von der Regel, was dann zum Beispiel für Vaude gilt:

O-TON Kind: „Die weit überwiegende Zahl der kapitalmarktorientierten Unternehmen, die beispielsweise an der Börse sind oder die Anleihen aufnehmen, sind schon seit vielen Jahren sehr stark auf dem Weg der Nachhaltigkeit – aus unterschiedlichen Gründen. Der Mittelstand ist in diesem Thema eher noch in der Entwicklung etwas nachgelagert. Aber wie gesagt: Es gibt viele mittelständische Unternehmen oder kleinere Unternehmen, die im Bereich Nachhaltigkeit absolut Vorreiter sind – sie haben Vaude als Beispiel gerade erwähnt, kann man hier sicherlich anführen.“

Auch wenn es sich heute vielleicht noch nicht für jedes Unternehmen finanziell sofort auszahlt, auf Nachhaltigkeit zu setzen, so ist der Finanzfachmann aber davon überzeugt, dass auf lange Sicht kaum ein Unternehmen noch daran vorbeikommen wird.

Um nachhaltig zu sein, müsse man zum Beispiel sehr innovativ sein. Nachhaltigkeit und Innovationen seien letztlich wie Bruder und Schwester, sagt Kind – sie gehörten einfach zusammen. Und wenn Unternehmen durch Innovationen in ihrer Branche an Wettbewerbsstärke gewinnen, könnten sie darüber auf lange Sicht auch finanziell profitieren.

Deshalb glaubt er auch, dass Unternehmen – wenn sie es nicht schon getan haben – dann doch möglichst bald ein Ticket für den Nachhaltigkeits-Zug lösen sollten, um den Anschluss nicht zu verpassen. Denn dieser Zug sei nicht etwa gerade erst angefahren …

O-TON Kind: „Also ich gehe sogar so weit zu sagen, dass dieser Zug der Nachhaltigkeit schon eine – verglichen mit den Vorjahren – enorme Geschwindigkeit aufgenommen hat. Aus ganz verschiedenen Gründen. Ich kann heute Unternehmen eigentlich nur noch sagen, schaut, dass ihr möglichst auf diesen Zug aufspringt, wenn ihr es nicht schon getan habt. Denn dieser Zug wird eine rasante Geschwindigkeit haben und weiter zunehmen. Also hier ist wirklich absolute Dringlichkeit geboten – ja.“

Auch wenn man bei Vaude erlebt hat, dass sich dieser Schritt lohnt – einfach ist er nicht.

Es braucht Zeit – und Geld, sagt Erwin Gutensohn.

O-TON Gutensohn: „Wenn wir beginnen, Strom einfach auf Ökostrom oder Ökogas umzustellen. Wenn wir alle Materialien, die wir einsetzen – Büromaterial angefangen, vom Bleistift, wir schauen jetzt drauf, von wem kaufen wir dann den Bleistift. Und wenn wir dann in die Produkte reingehen und sagen, okay, die Produkte, die wir jetzt haben, da muss einfach eine Prüfung drüber – das kostet alles Geld, und zwar viel Geld. Und die Materialien, die wir einsetzen, kosten auch mehr Geld.“

Einen großen Teil der Produkte lässt Vaude in Asien produzieren. Um sicherzustellen, dass auch hier wirklich möglichst nachhaltig gearbeitet wird, ist das Unternehmen Mitglied der Fair Wear Foundation.

Das Ziel der unabhängigen Stiftung aus Amsterdam: bessere Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken. Dabei geht es zum Beispiel um faire Löhne, bezahlte Überstunden und Sozialabgaben.

O-TON Gutensohn: „Dann gibt es natürlich auch die Notwendigkeit sicherzustellen, dass die Materialien, die wir verwenden, nachhaltig sind. Das heißt, wir nominieren in Asien Materiallieferanten, schauen uns die Materialien an, alle Materialien werden in Obereisenbach im hauseigenen Labor untersucht, alle Materialien werden auf Schadstoffe überprüft, und diese Materialien müssen dann von den Produzenten, die letztendlich die Bekleidungsteile beispielsweise produzieren, auch eingesetzt werden.“

Wie aber überzeugt man die Firmen, mit denen man zusammenarbeitet, dass dieser Weg zu mehr Nachhaltigkeit auf einmal eingeschlagen wird?

Vor allem, wenn man selbst gar nicht der wichtigste Kunde bei den Produktionsfirmen ist, sondern nur einer von vielen – und bei weitem nicht der größte, wie Gutensohn selbst zugibt.

O-TON Gutensohn: „Da gibt es große Firmen, die dort wesentlich größere Stückzahlen produzieren. Das war schon mal das erste Problem, denen zu sagen, also wenn ihr für uns produziert, dann müsst ihr erst einmal der Fair Wear Foundation beitreten. Das war am Anfang ein Hindernis. Wollten die nicht, weil die mussten ja höhere Löhne bezahlen. Und das zweite: Du musstest denen beibringen, und du kaufst wirklich nur die Materialien, die wir vorher gesourct haben, kannst nicht selber entscheiden, welches Rohmaterial du irgendwo einkaufst und nicht sicherstellst, dass das Rohmaterial schadstofffrei ist. Das sind Riesenprobleme, die musst Du erst lösen. Das geht auch wieder über Jahre. So ein Produktentwicklungszeitraum, der dauert ja mindestens zwei, drei Jahre, also da haben sie eine richtige Strecke vor sich. Und bei 15.000 Produkten, die wir normal im Programm haben, ist das ein richtiger Weg, den du da gehen musst.“

Das alles sei unter anderem nur möglich gewesen, weil Vaude zu seinen Partnern schon langjährige Beziehungen hatte.

Weil man auch schon vorher im Gegensatz zu einigen Konkurrenten nicht immer von Produzent zu Produzent gesprungen sei, um den möglichsten günstigsten Preis zu erzielen, seien die entsprechenden Firmen den Weg dann auch mitgegangen, erinnert sich Gutensohn.

Natürlich auch, weil Vaude erst mal entsprechend dafür bezahlt habe. Aber irgendwann hätten die Produzenten gemerkt, dass auch andere Kunden auf mehr Nachhaltigkeit setzen.

Außerdem sei es Vaude wichtig gewesen, nicht einfach mehr Nachhaltigkeit zu fordern, sondern an vielen Stellen selbst ganz praktisch zu zeigen, wie es geht. Zum Beispiel, wenn es darum geht, dass bei der Produktion keine Schadstoffe mehr ins Wasser gelangen sollen.

O-TON Gutensohn: „Wir beschäftigen in Taiwan einen Chemiker, der geht in die Stätten, in denen Material produziert wird und bringt den Leuten dort bei, wie sie ihr Wasser sauber halten können, wenn sie so und so produzieren. Also wir tun da unglaublich viel. Dann die Mitgliedschaften in den NGOs, sei es jetzt Fair Wear Foundation oder Bluesign für Produkte – das kostet alles Geld, das muss alles irgendwie eingepreist werden. Aber es geht. Wir haben auch über die Rentabilität und über das Wachstum, was wir durch die Strategie der Nachhaltigkeit vollziehen konnten, jetzt gezeigt, dass sich Nachhaltigkeit rentiert, weil ein weiteres Wachstum möglich ist. Das wäre ohne diese Strategie deutlich schwerer oder gar nicht möglich gewesen und vielleicht irgendwann sogar existenziell geworden.“

Stattdessen musste das Unternehmen selbst während der Corona-Pandemie keine Einbußen hinnehmen. Auch wenn es während des ersten Lockdowns durchaus entsprechende Befürchtungen gab.

Am Ende des Jahres 2020 aber stand ein sattes Umsatzplus von mehr als acht Prozent bei einem Umsatz von mehr als 110 Millionen Euro. Und noch besser sieht es für das Jahr 2021 aus.

Das liegt einerseits unter anderem am großen Drang vieler Menschen, gerade in der Pandemie nach draußen zu gehen; zu wandern, Fahrrad zu fahren oder sich anders sportlich zu betätigen.

Andererseits aber gebe es durchaus auch einen Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Resilienz gegenüber Krisen, glaubt Thomas Kind von der Landesbank Baden-Württemberg. Nachhaltige Unternehmen seien häufig auch widerstandsfähiger.

O-TON Kind: „Es gibt dafür viele Beispiele. Ich glaube, die wissenschaftliche Aufarbeitung, da gibt es mittlerweile Studien, die das belegen. Aber das ist noch nicht soweit valide, dass man tatsächlich heute schon sagen möchte mit absoluter wissenschaftlicher Sicherheit und Genauigkeit, dass wer nachhaltiger wirtschaftet auch ökonomisch erfolgreicher und damit automatisch auch widerstandsfähiger in beispielsweise Krisenzeiten ist. Aber wir sehen heute ganz viele Beispiele, auch gerade in der aktuellen Coronasituation, wo Unternehmen, die sehr nachhaltig agieren – beispielsweise auf langfristige Verbindungen mit ihren Lieferanten hinauswirken – einfach widerstandsfähiger durch stabilere Lieferketten agieren können, das nur mal als ein Beispiel.“

Tatsächlich habe Vaude schon im ersten Lockdown keine Probleme mit den Lieferanten gehabt – im Gegenteil, sagt Erwin Gutensohn. Sie seien zum Teil sogar bevorzugt behandelt worden, berichtet der Finanzchef.

Angesichts solcher Erfolge und der Tatsache, dass Vaude schon seit einiger Zeit als Leuchtturm in Sachen Nachhaltigkeit gilt, ist es kein Wunder, dass immer mehr andere Unternehmer sich hier etwas abgucken wollten.

Die Anfragen wurden irgendwann so viele, dass im Jahr 2020 eine eigene Vaude Academy für nachhaltiges Wirtschaften gegründet wurde.

O-TON Gutensohn: „Wir sehen uns als Pioniere. Wir laufen immer voran, probieren Dinge aus, setzen Nachhaltigkeitsthemen um und berichten anschließend an Interessierte – dann auch gegen entsprechendes Entgelt – wie es geht.“

Nachhilfe in Sachen Nachhaltigkeit bekommen die unterschiedlichsten Unternehmen – auch Konkurrenten von Vaude. Auf die kürzliche Frage des Manager Magazins, ob man damit nicht auch seinen Wettbewerbsvorteil verliere, wenn jetzt alle nachhaltig werden, antwortete Unternehmenschefin Antje von Dewitz gelassen – nein. Man sei so weit voraus, so schnell könne sie keiner einholen.

Denn sie weiß genauso wie Erwin Gutensohn: Die Umstellung auf nachhaltiges Wirtschaften dauert eine Weile. Genauso wie die Umstellung auf eine nachhaltige Führung der Mitarbeiter.

Aber – was heißt das eigentlich? Was ist anders im Umgang mit den knapp 600 Mitarbeitern bei Vaude?

O-Ton Gutensohn: „Ich würde sagen, zunächst einmal dieser Vertrauensvorschuss, den du uneingeschränkt den Mitarbeitern gibst. Du gehst einfach mit einem ganz anderen Menschenbild auf die Mitarbeiter zu und sagst, das, was du tust, das wird genau das sein, was ich mir von dir erhofft habe. Und ich glaube, das ist eine ganz andere Art und Weise, mit Menschen umzugehen als sie es auch in anderen Betrieben gewohnt sind. Kein Misstrauen, sondern Vertrauen – und zwar ausgehend von der Geschäftsleitung. Die ganze Nachhaltigkeitsstrategie funktioniert wirklich nur, wenn sie von ganz oben kommt und bis nach unten, bis in die Zehenspitzen gelebt wird. Und das spüren die Mitarbeiter in der ganzen Art. Das würden Sie spüren, wenn Sie zu uns ins Unternehmen kommen, wie die Menschen auf Sie zugehen, wie du am Arbeitsplatz empfangen wirst, wie die Aufgaben, die du gestellt bekommst, wie die behandelt werden, wie die Ergebnisse behandelt werden. All das ist in eine ganz breite Vertrauensbasis eingebettet.“

Es ist leicht, über Nachhaltigkeit zu reden – aber es kann anstrengend sein, diese Nachhaltigkeit zu leben, sagt der Banker Thomas Kind.

Es gibt unzählige Punkte, an denen er festmachen kann, dass Vaude zu einem nachhaltigen Unternehmen geworden ist. Und dabei geht es längst nicht nur um die Produkte des Outdoor-Unternehmens.

O-TON Kind: „Das fängt an beispielsweise mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Vaude hat seit Jahren ganz gezielt darauf hingewirkt, dass Mütter wieder in das Unternehmen zurückkommen können. Und Väter, die haben dafür gesorgt, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beispielsweise über einen Betriebskindergarten unterstützt wird. Vaude hat Mitarbeiterbeteiligungsprogramme ins Leben gerufen. Das Unternehmen engagiert sich beispielsweise in politischen Bereichen, in Verbandsinitiativen immer wieder als Vorreiter, um entsprechende Marktstandards gemeinsam mit anderen Teilnehmern nach vorne zu entwickeln. Das sind einfach einzelne Beispiele, die in ihrem Zusammenwirken dann letztendlich zu diesem Erfolg führen.“

Wenn ein Unternehmen diesen Weg zu mehr Nachhaltigkeit einschlagen will, sollte es zuerst auf Eigentümerebene erst einmal überprüfen, was dieser Begriff für dieses Unternehmen überhaupt bedeuten kann, empfiehlt Kind. Das könne von Branche zu Branche unterschiedlich sein.

Man müsse da gar nicht zu kompliziert denken. Für das eine Unternehmen brauche es möglicherweise gar nicht so viel – ein paar Stellschrauben könnten durchaus ausreichen. Bei anderen könne es aber auch eine ganze Transformation des Geschäftsmodells bedeuten.

O-TON Kind: „Und dabei würde ich natürlich auch Gespräche führen und den Dialog suchen mit verschiedenen Partnern des Unternehmens. Damit meine ich zum Beispiel die Mitarbeiter, dazu meine ich beispielsweise mit den Lieferanten und Kunden, mit den Finanziers. Manchmal aber empfiehlt es sich zum Beispiel auch mit einer politischen Seite oder mit Verbänden oder mit NGOs zu sprechen, um sich hier ein breites Meinungsbild abzuholen: Was ist aus Sicht des Umfelds des Unternehmens nachhaltig und wesentlich für das Unternehmen.“

Bei Vaude hat man diesen Prozess schon lange hinter sich. Das aber heißt nicht, dass man schon am Ende des Weges angekommen ist, betont Erwin Gutensohn.

Das Unternehmen ist inzwischen komplett mit allen Produkten klimaneutral – die weltweiten CO2-Emissionen werden kompensiert. Und denselben Betrag, den Vaude für diese Kompensation aufwendet, den investiert es auch noch einmal, um die Emissionen Stück für Stück weiter zu reduzieren.

Künftig geht es zum Beispiel darum, sich vom Verbrauch von Ressourcen zu entkoppeln …

O-TON Gutensohn: „… indem wir die Produktpalette danach ausrichten, dass keine weiteren Ressourcen von Vaude-Produkten verbraucht werden. Also es gibt einen Haufen Themen. Ich denke, dass wir im Rahmen der Pionierarbeit als nachhaltiges Unternehmen noch genau in diesem Bereich weitermachen sollten und werden.“

DROP

Schön, dass sie bis hier wieder dabei waren.

Wenn Sie das Thema Nachhaltigkeit mehr interessiert, hören Sie gerne auch mal in unsere letzte Folge rein – wenn Sie das nicht schon getan haben.

Da ging es nämlich um grünen Strom. Zum Beispiel um die vielen Schwierigkeiten, mit denen man nicht nur in Deutschland zu tun hat, wenn man einen Windpark errichten will.

Ich freue mich, wenn Sie in der nächsten Folge bei einer neuen spannenden Unternehmensgeschichte wieder dabei sind.

Bis dahin, machen Sie’s gut.