Barfuß in Richtung Nachhaltigkeit - Wildling Shoes

Shownotes

Schauen Sie doch gerade mal an sich herunter und werfen Sie einen Blick auf ihre Schuhe. Sind die wirklich bequem? Und fühlen Sie sich damit genauso wohl, als würden sie barfuß über eine Wiese laufen?

Und was stecken da eigentlich für Materialien drin? Leder? Plastik? Wie nachhaltig sind die wohl? Das sind Fragen, mit denen sich "Wilding Shoes" beschäftigt. Von der Idee, Schuhe für die eigenen und auch andere Kinder zu produzieren bis zum fertigen Schuh war es ein steiniger Weg.

Heute hat "Wildling Shoes" mehr als 300 Mitarbeiter. Das Unternehmen wurde 2021 mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet. Und gerade erst Ende des vergangenen Jahres bekamen die Wildlinge den renommierten Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Lieferketten.


Zu Gast:

Anna Yona - Geschäftsführerin, Wilding Shoes

https://www.wildling.shoes


Stefan Schitz - Key Account Manager, PayOne

https://www.payone.com/DE-de


Link: https://www.sparkasse.de/retourenmanagement

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Skript: Nachhaltigkeit im E-Commerce – Wildling Shoes

O-TON Yona: „Für uns ist das Thema Nachhaltigkeit auch noch nicht weit genug gedacht. Also Nachhaltigkeit hat oft den Anklang, wir wollen so wenig Schaden verursachen wie möglich, also wollen Schaden verringern und das reicht einfach nicht mehr. Also wir können nicht den Schaden verringern und versuchen, Dinge auf dem Status Quo zu halten, weil das einfach in der Situation, in der wir uns befinden, nicht mehr genug ist. Und unser Vorbild ist dann eher zu sagen, okay, wie funktioniert denn zum Beispiel ein gutes Ökosystem? Ein Ökosystem schafft auch immer wieder neue Grundlagen, also hat immer wieder einen erneuernden, regenerativen Aspekt. Und das versuchen wir zu übersetzen auf jeden Unternehmensbereich.“

(Seite 8)

Jingle INTRO

Schauen Sie doch gerade mal an sich herunter und werfen Sie einen Blick auf ihre Schuhe. Sind die wirklich bequem? Und fühlen Sie sich damit genauso wohl, als würden sie barfuß über eine Wiese laufen?

Und was stecken da eigentlich für Materialien drin? Leder? Plastik? Wie nachhaltig sind die wohl?

Das sind Fragen, mit denen sich unser heutiges Unternehmen beschäftigt. Denn die Kinder der Unternehmensgründerin liefen jahrelang nur barfuß herum – und dann kamen sie nach Deutschland. Überall harte Straßen und Wege. Oft nass und kalt. Also mussten Schuhe her – aber die richtigen gab’s nicht. Wenn man nicht alles selber macht!

Das ist in Kurzform, wie die Firma Wildling Shoes entstanden ist.

Und damit herzlich Willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts.

Jingle CLOSER

Ist Ihnen eigentlich bewusst, was ihre Füße so im Laufe ihres Lebens so leisten? Im Durchschnitt 7.500 Schritte am Tag, das macht bei einer durchschnittlichen Schrittlänge rund sechs Kilometer.

Mit 75 Jahren haben ihre Füße Sie schätzungsweise 160.000 Kilometer durch die Welt getragen. Was für eine Leistung!

Eingezwängt sind unsere Füße dabei aber meistens in Schuhen, die mal mehr, mal weniger bequem sind. Dabei wäre Barfußlaufen eigentlich das Beste. Wenn Sie das mal googeln, finden Sie eine Menge Gründe dafür. Denn unser ganzer Bewegungsapparat ist eigentlich immer noch darauf ausgerichtet, barfuß zu laufen. Die Muskulatur wird gestärkt, die Körperhaltung besser und vieles mehr.

Deshalb sollten Kinder am besten so viel wie möglich barfuß laufen und für Anna Yona war es ganz natürlich, dass ihre drei Kinder sogar das ganze Jahr über so gut wie immer ohne Schuhe unterwegs waren. Allerdings sind ihre Kinder in den ersten Jahren auch in Israel aufgewachsen, denn dort hatte Anna während ihres Studiums ihren Mann kennengelernt. In der Wärme und dann noch auf dem Land in der Nähe von Haifa, da war das kein Problem für die Kinder ohne Schuhe.

O-TON Yona: „Und die Kinder sind tatsächlich die ersten Lebensjahre fast ausschließlich barfuß gelaufen. Und das war superschön zu sehen, wie die sich bewegt haben. Also wie selbstsicher die auch waren durch den direkten Bodenkontakt und das Feedback. Und dann sind wir 2013 nach Deutschland gezogen und der erste Winter kam und es war irgendwie klar, das geht nicht weiter mit dem Barfußlaufen. Aber alle Schuhe, die wir den Kindern angeboten haben, wollten die nicht anziehen. Es war ganz klar, sie möchten das nicht tragen, es gefällt ihnen nicht, das neue Gefühl. Sie bewegen sich auch auf einmal ganz anders.“

Und im Laufe der Zeit entstand die Idee: Dann machen wir eben selbst einen Schuh für unsere Kinder. Damit könnte man vielleicht sogar auch noch Geld verdienen. Denn als das Ehepaar aus privaten Gründen von Israel nach Deutschland gekommen war, hatten die beiden erst mal keinen richtigen Plan, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollten.

O-TON Yona: „Ja, wir hatten tatsächlich gar keine Ahnung [lacht], wie wir unser Geld verdienen wollten. Wir hatten in Israel ein Fitnessstudio – mein Mann ist Sporttherapeut – und das konnten wir natürlich nicht mitnehmen. Das heißt, das haben wir verkauft in Israel und sind dann hier in Deutschland gelandet. Und tatsächlich auch so beschäftigt gewesen mit dem Abbruch unseres Lebens da vor Ort, weil die Entscheidung relativ spontan gefallen ist umzuziehen, und zwar so noch, dass unsere älteste Tochter hier auch noch ein Jahr in den Kindergarten gehen kann, um auch die Sprache noch zu verbessern. Das heißt, wir waren so beschäftigt damit, unser Leben dort abzubrechen, dass wir uns eigentlich erst Gedanken gemacht haben, was jetzt der nächste Schritt sein könnte, als wir hier gelandet sind.“

Von der Idee, Schuhe für die eigenen und auch andere Kinder zu produzieren bis zum fertigen Schuh war es allerdings ein sehr steiniger Weg.

Heute hat Wildling Shoes mehr als 300 Mitarbeiter. Das Unternehmen wurde 2021 mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet. Und gerade erst Ende des vergangenen Jahres bekamen die Wildlinge den renommierten Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Lieferketten.

Rückwirkend betrachtet ist die rasante Entwicklung auch für die Gründerin und Geschäftsführerin Anna Yona immer noch verblüffend. Denn sie gibt zu: Von Schuhen hatten wir erst mal wirklich überhaupt keine Ahnung.

O-TON Yona: „Gleichzeitig war das auch unser größter Vorteil, glaube ich. Weil eben dadurch, dass wir keine Ahnung davon hatten, wussten wir auch nicht, was eigentlich nicht geht oder was eigentlich so nicht gemacht wird. Das heißt, wir haben Dinge ausprobiert, die man wahrscheinlich mit mehr Wissen so nicht angegangen wäre. Dazu muss man sagen, dass mein Mann sehr, sehr stur sein kann und ein Dickkopf. Und er hat sich einfach nicht davon abbringen lassen. Also wir sind davon ausgegangen, wie muss sich das hinterher anfühlen, also wie soll sich dieser Schuh am Fuß anfühlen. Also eher vielleicht wie ein Handschuh als jetzt ein fester Schuh. Und was sind dann zum Beispiel die richtigen Materialien, mit denen wir das umsetzen können.“

Nur sei man da im Schuhbereich erst mal gar nicht fündig geworden und habe in anderen Bereichen suchen müssen. Und dann mussten die Textilien angepasst werden, um das gewünschte Gefühl entstehen zu lassen. Sie seien viele Wege gegangen, die untypisch waren und natürlich lief gerade am Anfang vieles nicht rund.

O-TON Yona: „Das war ein langer Prozess – also wir haben anderthalb bis zwei Jahre gebraucht dafür – und es war auch ein Prozess, der von einigen Frustrationen begleitet war. Also es war so dieses, es kommt eine Sendung aus Portugal mit dem nächsten Prototyp und große Spannung und man macht das Paket auf und dann sinkt die Stimmung in den Keller, weil das wieder ganz anders ist als man sich eigentlich vorgestellt hat.“

Gleichzeitig konnten die Gründer die Zeit aber auch gut nutzen, um zum Beispiel einen Businessplan zu schreiben oder an den ersten Gründerkredit zu kommen. Und auch die Marke wurde in dieser Phase bereits aufgebaut – inklusive einer Community mit Interesse an den Schuhen, die es noch gar nicht gab.

Nachhaltigkeit habe von Anfang an eine große Rolle gespielt, erinnert sich Anna Yona. Allerdings sei ihnen auch bewusst gewesen, dass man nicht gleich alles richtig machen könne. Textilien aus zertifiziertem Bio-Anbau seien ihnen zum Beispiel wichtig gewesen. Nur sei selbst das damals in der Schuhbranche nicht so leicht gewesen. Bei ihren Produzenten hätten sie quasi von Null anfangen müssen.

O-TON Yona: „Also wenn ich in Portugal gesagt habe, wir hätten gerne Bio, dann haben die gesagt, ja, ist Baumwolle, ist doch Bio, ist doch eine Pflanze, was wollt ihr denn? Das heißt, wir mussten da von Anfang an das wirklich selbst mit aufbauen. Das hat uns aber auch ermöglicht, von Anfang an sehr viel Transparenz zu bekommen. Also normalerweise gehe ich hin zu einem Schuhproduzenten und sage dem, ich hätte gerne diesen Schuh in der und der Farbe, so soll es aussehen, mach mir den, was kostet das? Und dann geht der Schuhproduzent hin und kauft alle Materialien, die er dazu braucht. Und wir haben von Anfang an gesagt, das macht für uns keinen Sinn. Also erstens wissen wir dann nicht ganz genau, was drin ist und haben diese Transparenz nicht. Und zweitens haben die gar keine Quellen, um die Materialien einzusetzen. Die haben gar keinen Zugang zu diesen Materialien. Das heißt, wir haben von Anfang an den kompletten Materialeinkauf selbst gemacht und das war natürlich ein super Sprungbrett im Nachgang, um daran anzuknüpfen und das immer weiter zu optimieren.“

Wir sind noch ganz am Anfang unserer Reise zu einem regenerativ wirkenden Unternehmen, wird Anna Yona auf der Webseite von Wildling Shoes zitiert. Diese Reise schließt ein, dass auch Fehler gemacht würden, heißt es dann weiter. Denn wer auf Perfektion warte, der mache vielleicht nie den ersten Schritt.

So haben die Gründer bei den Materialien gerade am Anfang viel ausprobiert – einige Fehlschläge inklusive. Inzwischen aber wissen sie schon sehr genau, womit sie arbeiten können und was möglichst nachhaltig ist.

O-TON Yona: „Unsere Schuhe sind in erster Linie aus Naturfasern. Also das heißt, überall da, wo wir eine Naturfaser einsetzen können, tun wir das. Das sind Fasern wie Baumwolle oder auch mal eine recycelte Baumwolle, sehr viel im Winter auch. Hanf, Leinen, also all das, was man auch regional oder europäisch anbauen kann. Der Grund dafür ist, dass diese Naturfasern häufig den Kunstfasern total überlegen sind. Zum Beispiel in solchen Themen wie einfach das Fußklima. eine Naturfaser fühlt sich meistens sehr viel angenehmer an auf der Haut als eine Kunstfaser, kann ein sehr viel besseres Fußklima schaffen. Und wir suchen da eben entsprechend die Materialien aus, die für den Einsatz am besten geeignet sind.“

Im Winter geht es darum, mit wärmenden Fasern zu arbeiten, in denen man möglichst wenig schwitzen soll. Im Sommer können das auch ganz andere Materialien sein.

O-TON Yona: „Im Sommer nutzen wir zum Beispiel sowas wie Papier. Weil das einfach das luftigste, leichteste Material ist, was wir finden können. Und das natürlich auch wieder basierend auf einer Pflanzenfaser.“

Schuhe aus Papier oder Baumwolle? Wer das hört, könnte durchaus einige Fragezeichen über dem Kopf schweben haben. Im Gegensatz zu Leder oder strapazierfähigen Kunstfasern klingt das erst mal vielleicht nicht gerade nach einem Schuh, der allzu lange halten kann.

O-TON Yona: „Ich kann erst mal den Zweifel oder die Fragezeichen nachvollziehen. Gleichzeitig ist es aber tatsächlich einfach eine Qualitätsfrage. Deswegen haben wir damals gesagt, das, was in der Schuhbranche so üblich ist – das günstigste und gleichzeitig das haltbarste Material – davon nehmen wir Abstand, und wir versuchen, unsere eigenen Materialien einzusetzen und achten da aber natürlich auch auf Langlebigkeit. Also eins der wichtigsten Themen in der Nachhaltigkeit ist Langlebigkeit.“

Die Materialien seien inzwischen nicht nur alle genau darauf getestet. Inzwischen bietet Wildling auch an, jeden Schuh zu reparieren. Nicht nur innerhalb der Gewährleistung – ganz in einem nachhaltigen Sinne. Auch danach sollen die Schuhe in Zukunft generalüberholt werden können, damit sie nicht einfach auf dem Müll landen müssen.

Wenn es um die Nachhaltigkeit geht, dann sind allerdings nicht nur die Materialien oder die Herstellung ein zentrales Thema, sondern auch der Verkauf. Die Schuhe von Wildling werden ausschließlich online und das auch nur im Direktvertrieb über den eigenen Internet-Shop verkauft.

Und das aus gutem Grund, sagt Anna Yona. Denn ein großes Problem beim Online-Handel sind unter anderem die Schuhe, die gekauft und anschließend wieder zurückgeschickt werden. Retouren-Quoten von 60 bis 70 Prozent bei Händlern, die viele verschiedene Schuhe von unterschiedlichen Herstellern anbieten, sind durchaus üblich. Bei Wildling kommen deutlich weniger als ein Fünftel der Bestellungen wieder zurück, erklärt Yona.

O-TON Yona: „Also einmal sind wir als Marke in sich stimmig. Also das ist anders als wenn ich jetzt ein Händler bin, der 20 verschiedene Marken anbietet. Dann habe ich allein in diesen Schuhen, die ich da anbiete, schon sehr unterschiedliche Inhalte. Dann hat der eine Schuhe mit 39 eine andere Innenlänge als der andere Schuh mit 39. Das heißt, ich müsste dann schon wissen, welche Größe ich generell normalerweise bei dieser oder jener Marke habe. Das heißt, Menschen, die schon mal bei uns gekauft haben, können natürlich beim nächsten Mal sehr gut wissen, welche Größe sie jetzt bestellen – das heißt, wir versuchen schon darauf zu achten, dass die Schuhe in sich immer eine sehr ähnliche Länge haben.“

Dazu kommt die Tatsache, dass kaum ein Kunde zufällig auf die Wildling-Schuhe stößt. Hier geht es um eine bestimmte Einstellung zum eigenen Fuß, zu Schuhen und zum Thema Nachhaltigkeit. Dazu kommen gute und bequeme Passformen, eine gute Größenberatung auf der Webseite.

Und: Mit den richtigen Online-Angeboten lasse sich die Zahl der Retouren noch weiter minimieren.

O-TON Yona: „Es geht natürlich auch darum, die Menschen durchzuleiten auf einer Webseite. Also was sind so die ersten Fragen, die sie haben. Wie kann ich ihnen möglichst eine Auswahl anbieten, dass sie den richtigen Schuh für sich finden? Welche Angebote habe ich für Rückfragen? Habe ich einen Chat, in dem ich schnell eine Antwort bekommen kann? Wie gut ist mein Customer Service ausgebildet? Also auch das sind natürlich Entscheidungen. Ich kann den Customer Service natürlich einkaufen als Dienstleistung, dann habe ich mit dem ganzen operativen Geschäft nichts am Hut. Das ist natürlich in vielen Fällen sehr viel einfacher, vor allem ist die Kostenstruktur auch sehr viel flexibler. Wir haben unseren Customer Service in-house und das sind schon an die 40 Menschen. Also das ist einfach ein großes Team, um das man sich natürlich auch kümmern muss und das fix diese Kosten auch verursacht, egal ob ich gerade in einer Phase bin im Jahr, wo ich sehr viele Anfragen habe oder ob es mal eine ruhigere Phase ist. Das heißt, es ist eine Entscheidung von uns zu sagen, uns ist dieser Service und diese persönliche Betreuung, auch diese Ausbildung im Team so wichtig, dass wir das gerne in Kauf nehmen.“

Darüber hinaus müsse man den Kunden auch bewusst machen, dass Retouren eben nicht gerade nachhaltig sind. Dazu gehört dann auch, anders als bei manchem anderen Online-Händler, eben nicht immer wieder kostenlose Rücksendungen zu ermöglichen.

O-TON Yona: „Also bei uns gibt es die erste Retoure kostenlos, damit man das relativ risikoarm ausprobieren kann, ob man diese Schuhe mag, ob man damit klarkommt. Die zweite Retoure kostet aber. Also wir haben eine Retouren-Rücksendegebühr für die Retouren.“

Und wenn man das Rad noch weiter drehen will, dann könnte man in puncto Nachhaltigkeit sogar über die passenden Bezahlmethoden im Online-Handel nachdenken. Einerseits komme es darauf an, dass die Kunden beim Einkaufen im Netz möglichst eine der Methoden zur Verfügung haben, die sie schon kennen, damit sie nicht im letzten Moment noch abspringen, meint die Wildling-Chefin Yona.

Andererseits gebe es da durchaus Unterschiede, erklärt Stefan Schitz, Er ist Key-Account-Manager bei PayOne, einem so genannten Payment-Service-Provider, an dem die Sparkassen-Finanzgruppe beteiligt ist. PayOne wickelt Zahlungen sowohl im E-Commerce als auch in Geschäften vor Ort ab – zum Beispiel mit entsprechenden Kassenterminals.

O-TON Schitz: „Wenn wir uns die technischen Aspekte anschauen einer solchen Bezahlung, ich glaube dann gibt es schon die Möglichkeit zu sagen, ich agiere mehr oder weniger nachhaltig. Ich glaube, das Problem ist, dass das den meisten Verbrauchern letzten Endes nicht bewusst ist. Ich glaube, ein ganz großer Punkt, den wir hier haben, den wir beachten müssen beim nachhaltigen Agieren ist natürlich auch, mit welchem Zahlungsanbieter agiere ich? Wo sitzt dieser Zahlungsanbieter? Wie sind die so genannten Server dieser Zahlungsanbieter aufgestellt, wie viel Strom verbrauchen sie, vielleicht auch das Thema, aus welchen Materialien sind sie gebaut?“

Da brauche es in den kommenden Jahren noch mehr Aufklärung – sowohl beim Verbraucher als auch beim Handel, sagt Schitz.

O-TON Schitz: „Ich gebe ihnen ein Beispiel, wir gehen jetzt mal raus aus dem E-Commerce und rein in das Terminal-Geschäft. Wir achten beispielsweise darauf, dass wir nur Terminals am Netz haben, die energieeffizient arbeiten, nur Terminals am Netz haben, die in einem so genannten Energiesparmodus unterwegs sind, recyceltes Verpackungsmaterial … und um den Schwenk jetzt wieder zum E-Commerce zu bekommen, ist es letzten Endes so: Je mehr Server ich überquere, je mehr Daten angefragt werden, je mehr Prüfungen im Hintergrund stattfinden, umso mehr verbrauche ich natürlich auch Strom. Und das geht natürlich auch wieder auf das Thema Nachhaltigkeit – und das ist ein Beispiel.“

Möglichst einfach, möglichst schnell – darum geht es häufig beim elektronischen Bezahlen. Sowohl online als auch im Handel. Allerdings ist Schitz davon überzeugt, es sei vielen Menschen gar nicht klar, dass damit nicht unbedingt die nachhaltigste Methode einer Zahlung einhergehe.

Ein gutes Beispiel dafür seien die so genannten Wallet-Systeme wie zum Beispiel Amazon Pay oder Paypal, die in Deutschland zu den beliebtesten Zahlverfahren gehören.

O-TON Schitz: „Wenn ich mit diesen Zahlverfahren eine Zahlung vornehme, dann steht aber auf der anderen Seite irgendwo ein Server. Nicht nur einer, sondern ganz, ganz viele, die beispielsweise betrieben werden müssen, indem meine Daten hinterlegt sind, indem meine eigentlichen Zahlverfahren hinterlegt sind. Denn letztendlich sind Wallet-Systeme ja auch nur Systeme, in denen ich meine eigentlichen Zahldaten hinterlegt habe. Also meine Kreditkarte oder meine Bankverbindung. Und diese Daten müssen ja auch alle vorgehalten werden. Dort müssen Mitarbeiter beschäftigt werden. Und wenn wir die Abwicklung ganz klassisch als Beispiel jetzt über die Lastschrift machen, dann würde ich nur meine Bankverbindung eingeben und diese Daten gibt es ohnehin bei meiner Bank. Das heißt allein das Thema Stromverbrauch, Vorhaltung von Ressourcen wäre wesentlich ressourcenschonender, wenn der Endkunde beispielsweise eher per Lastschrift bezahlt als dass er es mit einem Wallet-System macht. Und ich glaube, genau diese Diskrepanz, die kann man eigentlich nur auflösen, indem eine bessere Aufklärung zu diesen Zahlverfahren erfolgt. Gleichwohl möchte ich an dieser Stelle aber auch betonen, das soll jetzt nicht negativ auf die Wallet-System-Anbieter gemünzt sein. Ich hab das nur mal als entsprechendes Beispiel gegeben.“

Die entsprechende Aufklärung der Kunden müsste allerdings vor allem von den Händlern kommen, gibt Schitz zu – das bedeutet wiederum für sie mehr Aufwand. Allerdings könnten Händler ihren Kunden die eine oder andere Zahlmethode auch durchaus schmackhaft machen, glaubt der Bezahlsystem-Fachmann. Vielleicht auch beim Thema Retouren.

O-TON Schitz: „Dass man ein einfaches Rückgaberecht oder ein verlängertes Rückgaberecht dem Endkunden beispielsweise gewährt, wenn mit bestimmten Zahlarten bezahlt wird. Vielleicht in Form von Rabatten, die bestimmte Zahlarten-Anbieter auch gewähren dem Endkunden, beziehungsweise der Händler bietet diese Rabatte dem Endkunden an, wenn mit bestimmten Zahlarten gezahlt wird. Das sind sicherlich Möglichkeiten, wie ich die genutzten Zahlarten lenken kann. Genauso ganz einfach: Ich platziere die Zahlart, die vielleicht nachhaltiger ist, an Position eins bei der Auswahl der entsprechenden Zahlverfahren – und nicht unbedingt auf Position drei oder vier.“

Es ist noch nicht lange her, da spielte der Begriff Nachhaltigkeit für die meisten Verbraucher und auch Unternehmen kaum eine oder sogar gar keine Rolle.

Das verändert sich inzwischen rasant. Und Wildling-Gründerin Anna Yona ist davon überzeugt, dass sich hier auch in Zukunft noch eine Menge tun wird. Dabei geht es für sie längst nicht nur darum, ein möglichst nachhaltiges Produkt im Online-Handel zu vermarkten.

O-TON Yona: „Für uns ist das Thema Nachhaltigkeit auch noch nicht weit genug gedacht. Also Nachhaltigkeit hat oft den Anklang, wir wollen so wenig Schaden verursachen wie möglich, also wollen Schaden verringern und das reicht einfach nicht mehr. Also wir können nicht den Schaden verringern und versuchen, Dinge auf dem Status Quo zu halten, weil das einfach in der Situation, in der wir uns befinden, nicht mehr genug ist. Und unser Vorbild ist dann eher zu sagen, okay, wie funktioniert denn zum Beispiel ein gutes Ökosystem? Ein Ökosystem schafft auch immer wieder neue Grundlagen, also hat immer wieder einen erneuernden, regenerativen Aspekt. Und das versuchen wir zu übersetzen auf jeden Unternehmensbereich.“

Dabei stehen dann längst nicht mehr nur die Materialien der Schuhe oder ein Bio-Siegel bei der verwendeten Baumwolle im Mittelpunkt.

O-TON Yona: „Das hat viel damit zu tun, zum Beispiel wo werden unsere Fasern angebaut und wie werden sie angebaut. Fördert das Biodiversität, fördert das die Bodenqualität, ist die tatsächlich nach dem Jahr des Anbaus besser oder schlechter? Das betrifft aber auch soziale Bedingungen, also wie kann man auch im Fabrik-Setting eine Arbeitsatmosphäre, Arbeitsbedingungen schaffen, die wirklich fair sind und sich gut anfühlen? Wie kann man eine eigene Arbeitskultur schaffen, wo jetzt sagen könnte, okay, ich möchte nicht nur Energie in meine Arbeit stecken, sondern ich möchte idealerweise auch Energie daraus ziehen können. Das hat viel mit Finanzen zu tun. Wo geht unser Geld hin und was bewirkt es? Ist da eine Umverteilung oder sammelt sich das Geld eigentlich an einem Ort und macht sowieso schon privilegierte Menschen noch reicher oder mächtiger? Also das heißt, es geht viel um Kreislaufdenken, es geht viel darum, zu schauen wo können wir einen positiven Beitrag leisten – und nicht nur Schaden minimieren.“

Es ist gerade erst ein paar Jahre her, dass die Familie Yona aus Israel nach Deutschland gekommen ist – ohne einen konkreten Plan, wie es weitergehen soll.

Dass innerhalb kurzer Zeit aus der Idee, die Schuh-Probleme der eigenen Kinder zu lösen und damit vielleicht sogar Geld verdienen zu können, inzwischen ein mittelständisches Unternehmen entstanden ist, verblüfft Anna immer noch.

Und zwischendurch gab es durchaus auch den Punkt, an dem sie und ihr Mann sich gefragt haben, ob sie tatsächlich auf dem richtigen Weg sind.

O-TON Yona: „Wir hatten so einen Moment, so zwei Jahre nach Gründung, wo wir gesagt haben, okay, wofür machen wir das denn alles? Also ist das noch das, wofür wir sozusagen angetreten sind? Und auch, welche Verantwortung kommt damit eigentlich? Welche Verantwortung kommt mit einem großen Team und welche Verantwortung kommt auch mit dem immer größer werdenden Impact, den man natürlich hat. Und wie können wir dieser Verantwortung gerecht werden? Und da hat es noch mal wirklich eine Justierung gegeben dessen zu sagen, okay, wenn unser Ziel am Anfang eindeutig war, wir möchten dieses Produkt gut hinbekommen, auf den Markt bekommen, wir möchten mit dem Produkt ein Problem lösen. Dann sind eben noch viele weitere Aspekte hinzugekommen, um zu sagen, wir möchten mit dieser Unternehmung, wir möchten mit unserer wirtschaftlichen Tätigkeit eben auch weitere Probleme lösen. Wir möchten Teil der Lösung sein. Wir möchten gemeinsam mit anderen Lösungen finden, wie wir eben jetzt wirklich den großen Krisen unserer Generation begegnen können.“

Manchmal allerdings löst man Probleme an der einen Stelle – und dann entstehen neue, muss die Wildling-Chefin schmunzelnd zugeben. Denn los ging alles mal mit der Frage, welche Schuhe ziehen wir unseren Kindern an? Wenn sie doch die gängigen Schuhe aus dem Laden um die Ecke nicht tragen wollen.

Heute sind aus den Kindern inzwischen Jugendliche geworden. In einem Alter, in dem dann auch auf andere Dinge Wert gelegt wird – und wo man gerne auch mal den einen oder anderen Modetrend mitgehen möchte.

O-TON Yona: „Ja, unsere Kinder sind tatsächlich – also deren Füße haben sich so entwickelt, dass sie zum Teil gar keine anderen Schuhe tragen können. Also das ist so ein bisschen [lacht] … so ein bisschen der Moment, wo man sich dann so ins Fäustchen lacht und sagt, na gut, das habt ihr jetzt davon, dass ihr gesunde Füße habt. Jetzt passen euch die High Heels nicht oder die, was weiß ich, die schicken Basketball-Schuhe. Ja, das ist so ein bisschen die Krux. Ist auch unterschiedlich, mit wie viel Fassung das getragen wird. Aber [lacht] es bleibt ihnen zum Teil nichts anderes übrig.“

DROP

Schön, dass sie wieder dabei waren.

Ich freue mich, wenn Sie auch in der nächsten Folge wieder reinhören.

Dann wechseln wir in eine ganz andere Branche. Wir bauen Häuser – und zwar mit Stroh. Ein nachhaltiges und klimaneutrales Material, das für manchen schon der Baustoff der Zukunft ist.

Bis dahin, machen Sie’s gut.