Risiken besser managen! Die E-Bike Lieferkette - Coboc GmbH & Co. KG
Shownotes
Von einem Hinterhof in Heidelberg ist Coboc vor elf Jahren auf den E-Bike-Markt gestartet, den sie seitdem ganz schön umgekrempelt haben. Ist bei einer Fahrradkette auch nur ein einziges Glied kaputt, wird’s schwierig mit dem Fahren – bei den Lieferketten ist es ähnlich. Mit der Pandemie hakte es nicht nur bei einem einzelnen Kettenglied und das traf große Teile der Fahrradbranche.
Heute geht’s um schlanke E-Bikes,
um hakende Lieferketten, um Risiken im internationalen Geschäft, und um die Frage, wie man solche Risiken etwas besser managen kann.
Zu Gast:
Annalena Horsch - Managing Director, Coboc GmbH & Co. KG
Zdravko Marjanovic - Teamleiter Beratung Zins- und Währungsmanagement - S-International Baden-Württemberg Nord
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Skript: Schlanke E-Bikes und hakende Lieferketten (Arbeitstitel)
O-TON Horsch: „Das hat uns überhaupt nicht angesprochen, E-Bikes damals waren uncool, waren was für alte Leute, hatten überhaupt nichts dynamisches – also man wollte das eigentlich nicht haben. Und bei uns war das damals nicht so, dass wir – wie man das klassisch auf der Uni lernt, so mit Zielkundenanalyse und Businessplan und so an das ganze Unterfangen Coboc rangegangen sind – sondern bei uns war es tatsächlich sehr aus diesem ‚Was will ich eigentlich?‘ getrieben. Und was wir wollten, war ein geiles E-Bike. Eins, das eben nicht den Akku so offensichtlich irgendwo drangeflanscht hatte. Sondern eins, was dem Idealbild eines schönen stilistischen Fahrrads möglich nahe kommt. Und das hat uns damals viel bewegt und dann auch dazu gebracht, Coboc zu gründen.“
Jingle INTRO
Von einem Hinterhof in Heidelberg aus ist Coboc vor elf Jahren auf den E-Bike-Markt gestartet, den sie seitdem ganz schön umgekrempelt haben.
Damit Hallo und Herzlich Willkommen bei einer neuen Folge unseres Podcasts.
Heute geht’s um schlanke E-Bikes, um hakende Lieferketten, um Risiken im internationalen Geschäft, und um die Frage, wie man solche Risiken etwas besser managen kann.
Jingle CLOSER
Annalena Horsch, die Geschäftsführerin von Coboc, hat es gerade ja schon erzählt: Während sich viele Geschäftsideen beim Start natürlich um die Frage drehen, wer könnten denn unsere Kunden sein und wie kann das Ganze auf gute wirtschaftliche Beine gestellt werden, war es bei Coboc anders.
Das lag wohl auch ein bisschen daran, dass die beiden Gründer schon eine Menge mit Fahrrädern zu tun hatten. Mit dem Fahrrad wurde nicht nur zur Uni gefahren, sondern auch gejobbt.
O-TON Horsch: „Unsere Gründer – David und Pius, um sie namentlich zu nennen – haben gemeinsam Physik studiert und hatten während des Studiums, wie Sie gerade gesagt haben, viel Berührungspunkte mit dem Fahrrad. Insbesondere, weil sie als Fahrradkuriere gejobbt haben. Und in der Fahrradkurierszene – für die, die das jetzt nicht wissen – gibt’s eine sehr eigenartige Vorstellung davon, was ein geiles Bike eigentlich ausmacht. Also die Bikes in der Kurierszene sind erstaunlich puristisch dafür, dass damit wirklich jeden Tag gearbeitet wird. Da sind nie Gangschaltungen dran, da gibt’s coole Lackierungen, gibt’s teilweise – das ist dann diese Fixie-Szene, die das wirklich ernst meinen – die haben nicht mal mehr Bremsen. Das ist eine sehr reduzierte Art, Fahrrad zu fahren.“
Und mit diesem Bild eines Fahrrads vor Augen dachten sich die beiden nach dem Studium: Ein klassischer Angestelltenjob ist nichts für uns, also jetzt oder nie, wir probieren da mal was.
Möglichst reduziert und vor allem möglichst schlank sollte das neue E-Bike sein. Denn die bis dahin typischen Modelle hatten normalerweise klobige Akkus entweder am Rahmen oder Gepäckträger verbaut und auch die Motoren waren alles andere als schlank.
O-TON Horsch: „Wir haben eben vor elf Jahren hier in Heidelberg angefangen, erst mal ein eigenes Antriebssystem zu entwickeln, das bei uns voll im Rahmen integriert ist. Das ist also von außen überhaupt nicht sofort erkennbar, dass es sich bei unserem Produkt um ein elektrisches Fahrrad handelt. Und das war damals auch einfach nötig. Man konnte nicht, wie es normalerweise in der Branche der Fall ist, ein Antriebssystem dazukaufen, weil es gar keine Antriebssysteme gab, die diesem Anspruch an Design, den wir an unser Produkt haben, entsprochen hätten.“
Dabei passte es gut, dass einer der Gründer als Doktorand am Karlsruher Institut für Technologie beschäftigt war – und zwar im Bereich für hybridelektrische Fahrzeuge. Dort fanden die Gründer nicht nur das nötige Know-How, sondern auch noch einen passenden Elektrotechniker, der mit ins Team kam.
In so einem E-Bike steckt wesentlich mehr Arbeit als man auf den ersten Blick ahnen könnte. Das geht beim Motor los, der bei Coboc in der Hinterradnabe arbeitet. Dann geht es um den Akku und das Management des Batteriesystems, also Software, die das Aufladen regelt, aber zum Beispiel auch dafür sorgt, dass die Batterie nicht überhitzt. Dazu kommen Sensoren, die erfassen, was macht der Radfahrer da auf dem Sattel gerade – also wie stark tritt er zum Beispiel in die Pedale? Und auch das eigentliche Herzstück des Rades, der das alles steuernde Controller, musste sowohl von der Hardware erst mal entwickelt als auch programmiert werden.
Kein Wunder, dass es drei Jahre dauerte, bis das erste Rad tatsächlich fertig war.
Für die richtigen Härtetests haben dann auch einige Fahrradkuriere das Rad viele Kilometer über die Straßen gejagt. In der Folge ging es bald darauf fast schon Schlag auf Schlag. Inzwischen gehört Coboc zu den etablierten E-Bike-Herstellern.
O-TON Horsch: „Ja, wir sind als Unternehmen auf jeden Fall stolz auf das, was wir jetzt die letzten elf Jahre geschafft und aufgebaut haben. Allein wenn man sich das Produktportfolio anschaut, sind wir von damals eben einem Modell – sehr puristisch, sehr radikal, eben genau in diese Fahrradkurierszene auch passend – gewachsen auf jetzt mittlerweile 13 verschiedene. Sind auch zunehmend kundenorientiert geworden. Man mag es nicht glauben, aber es war ein aktiver Prozess, eine aktive Entscheidung, irgendwann auf den Kunden hören zu wollen, weg von dem ‚Ich will aber‘ und ‚Ich find geil‘ hin zu ‚Was braucht der Markt eigentlich?‘ und decken jetzt mit unserem Portfolio den gesamten City- und Trekking-Bike-Bereich für Premium-E-Bikes ab.“
Dann aber kommt die Corona-Pandemie und wie so viele Unternehmen weltweit bekommt auch Coboc hart zu spüren, was es heißt, wenn so manches Bauteil aus Asien nicht mehr wie bisher gewohnt pünktlich geliefert wird.
Ist bei einer Fahrradkette auch nur ein einziges Glied kaputt, wird’s schwierig mit dem Fahren – bei den Lieferketten ist es ähnlich. Und mit der Pandemie hakte es nicht nur bei einem einzelnen Kettenglied und das traf große Teile der Fahrradbranche.
O-TON Horsch: „Liegt glaube ich auch daran, dass im Fahrradbereich einige wichtige Komponenten von wenigen wichtigen Herstellern gibt, die bei den Kunden einfach einen Namen haben. Beim E-Bike ist jedem Bosch ein Begriff. Beim E-Bike oder überhaupt beim Fahrrad weiß aber auch jeder, wer oder was Shimano ist, wer oder was Schwalbe ist. Und wenn jetzt von einem dieser zentralen Hersteller ein Teil nicht verfügbar ist, dann kann man nur ganz schwer auf irgendein No-Name-Produkt ausweichen, was man vielleicht gerne machen würde. Weil es diese Hersteller – muss man denen lassen – , weil es diese Hersteller geschafft haben, ein extrem starkes Branding beim Endkunden aufzubauen. Und das macht es dann in einer Situation wie jetzt in der Pandemie natürlich doppelt schwierig zu reagieren, beziehungsweise entsprechende Alternativen zu finden…“
Aber ziemlich schnell war allen Beteiligten bei Coboc klar: Wir MÜSSEN reagieren.
Deshalb lautet eine Konsequenz aus den Erfahrungen der Pandemie mit ihren unterbrochenen Lieferketten: Wir dürfen uns nicht mehr ganz so abhängig machen und müssen deshalb mehr in die eigene Hand nehmen.
Bisher war es zum Beispiel üblich, einen Großteil der Komponenten gesammelt bei einem großen Einkaufspartner in Asien zu bestellen. So machen es auch viele andere Fahrradhersteller. Dieser Partner hat dann alle Teile für viele gemeinsam bestellt, eingekauft, aufs Lager gelegt und nach Deutschland gebracht.
O-TON Horsch: „Wenn jetzt sowas wie Corona passiert, dann erschwert das aber einfach das Reaktionsvermögen. Weil die Wege länger sind, weil immer noch ein zusätzlicher Partner zwischen mir und der eigentlichen Fabrik steht, dadurch Kommunikationswege länger werden und dadurch zeitkritische Entscheidungen im Endeffekt vielleicht nicht so getroffen werden können, wie man sie getroffen hätte, wenn man im direkten Austausch gestanden hätten.“
Jetzt baut der E-Bike-Hersteller sein eigenes Coboc-Office in Taiwan auf, um den Einkauf größtmöglich in eigener Regie zu organisieren.
O-TON Horsch: „Was für uns natürlich im ersten Schritt natürlich ein erheblicher Mehraufwand bedeutet, aber gleichzeitig auch viel mehr Transparenz und Kontrolle bringt. Und das sind genau die zwei großen Dinge – Transparenz und Kontrolle – , die gerade in so einer Zeit wie der Pandemie ganz arg wichtig sind.“
Als wären die Pandemie und ihre Folgen nicht schon genug, hat der Fahrradhersteller inzwischen aber noch mit weiteren Krisen zu kämpfen.
Ukraine-Krieg, Inflation, Energiepreise – das alles macht vielen Unternehmen weltweit zu schaffen. Zdravko Marjanovic von der S-International Baden-Württemberg betreut viele Firmen und erlebt aus nächster Nähe die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben. Denn so viele geballte Krisenherde in so kurzer Zeit, damit habe niemand rechnen können.
O-TON Marjanovic: „Das ist es ja, es sind genau diese Events – wir nennen es Events – , die wir so nicht vorhersehen können. Man spricht auch von Black Swans-Events, ich weiß nicht, ob Sie das schon mal gehört haben? Also schwarze Schwäne, die ums Eck kommen, die eigentlich auch in der Finanzmarkttheorie auch nicht so häufig vorkommen sollten, aber immer wieder vorkommen. Wir haben Corona, wir haben den Ukraine-Krieg, wir hatten Trump, wir hatten den Brexit – alles Dinge, die man sich nicht vorstellen konnte. Und auch in einer Schlaghäufigkeit, die eigentlich so rein statistisch gar nicht da sein dürfte, weil in den letzten zehn Jahren, ich meine, vor zehn Jahren waren wir noch in der Euro-Krise, zwischendrin hatten wir die eben gerade genannten Events. Das kommt vor, ja, und das kommt dann auch in Ausschlägen vor, wie man sie sich auch nicht vorstellen kann. Und da muss man sich gegen schützen, ja.“
Nur, wie schützt man sich gegen etwas, das kaum vorhersehbar ist? Marjanovic nennt es selbst „verrückte Zeiten“, die wir gerade erleben. Und auch für die Finanzprofis sind manche Entwicklungen kaum zu glauben.
Dass die Europäische Zentralbank im Juli zum Beispiel verkündet hat, drei Leitzinssätze nach elf Jahren zum ersten Mal überhaupt anzuheben und dann um jeweils gleich 50 Basispunkte, damit habe niemand von ihnen gerechnet, gibt der Fachmann zu.
O-TON Marjanovic: „Wir haben wirklich verrückte Zeiten. Es ist der Dollar so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr, Parität, hätte sich keiner vorstellen können. Also ein Euro ist genauso viel wert wie ein Dollar. Und insbesondere, wenn man als Importeur – die meisten Unternehmen in Deutschland importieren ja die Waren, nur die sehr Großen exportieren, also wir haben hauptsächlich Dollarkäufer in unserer Region – , die leiden darunter schon massiv. Also wenn sie vorher zu 1,20 – also ein Euro sind 1,20 Dollar – dann entsprechend die Waren einkaufen können, und jetzt müssen Sie das zu einem Kurs von 1,00 machen, dann haben Sie circa 20 Prozent höhere Einkaufskosten, einfach so. Und das ist genau das, was wir auch spüren durch die Inflation. Es trifft natürlich alle, alles wird teurer, wir merken es ja. Aber wenn Sie jetzt Lieferverträge haben, die einfach schon länger bestehen und Sie das zu alten Preisen einkalkuliert haben, dann haben Sie im Zweifelsfall als Unternehmen 20 Prozent weniger Marge. Und das ist dann einfach Gewinn, der weg ist. Und das macht das gerade bei den Marktpreisrisiken so gefährlich. Man kann sich’s oft nicht vorstellen, dass solche Dinge kommen. Aber wenn’s dann schlagend wird, und meistens wird es dann ja in vielen Bereichen schlagend, dann tut’s richtig weh. 20 Prozent weniger Marge!“
Dazu steigende Zinsen, steigende Rohölpreise – das alles sind Dinge, mit denen man trotz der Unvorhersehbarkeit umgehen muss. Da hilft nur ein aktives Risikomanagement, ist Marjanovic überzeugt.
Dazu gehört dann unter anderem, überhaupt erst mal zu erkennen, an welchen Stellen man im Unternehmen überhaupt ein Risiko hat – zum Beispiel ein Währungsrisiko.
An der Stelle gibt auch Annalena Horsch zu: Risikomanagement war für uns früher kein wirkliches Thema.
O-TON Horsch: „Ja, das trifft’s ganz gut. Risikomanagement hat eine eher geringe Rolle bei uns gespielt.“
Denn im täglichen Geschäft spielen viele ganz andere Themen eine viel größere Rolle. Erst recht bei kleineren Unternehmen oder einstigen Startups wie Coboc.
Da geraten manche Gefahren schnell aus dem Blick und zudem sind Themen wie Währungsrisiken auch keine, mit denen sich „mal eben nebenbei“ auseinandersetzen kann. Bei großen Konzernen machen das eigene Abteilungen. Bei den kleineren machen es die Chefs, WENN sie mal Zeit dafür haben.
Manchmal aber braucht es gar nicht viel, um jemanden davon zu überzeugen, dass er sich für das Thema DOCH mal etwas Zeit nehmen sollte – da brauchte eine Beraterin der Sparkasse bei einem Treffen mit der Coboc-Chefin nämlich nur eine einfache Rechnung vorlegen.
O-TON Horsch: „Ich erinnere mich bis heute an den Punkt, an dem ich angefangen habe mich mit dem Thema zu befassen. Mir wurde nämlich eine Auswertung hingelegt mit den Transaktionen über unser Dollar-Konto. Und die Kollegin damals hat dazu gesagt, schauen sie mal Frau Horsch, ich habe hier jetzt ausgewertet, zu was für Kursen sie basierend auf der Kasse ihre Rechnungen bezahlt haben. Und ich habe jetzt hier mal einen Vergleich gemacht, wenn sie zu Beginn des Jahres den Kurs gesichert hätten auf den Wert, der damals zu Beginn des Jahres auch derjenige gewesen ist. Dann hätten sie da 15.000 Euro gespart. Und da habe ich gedacht: Boah!“
Mit Risikomanagement ist es ein bisschen wie mit der IT-Sicherheit. Fast jeder weiß, dass man sich drum kümmern sollte. Aber es ist ein so nerviges Thema und auf den ersten Blick auch nicht so leicht.
Aber wenn man es dann erst mal gemacht hat, stellt man fest: So schwer ist es doch gar nicht, denn es gibt viele Tools, die einem das Leben erleichtern, die Risiken minimieren und dann wieder Luft für den Alltag verschaffen.
O-TON Horsch: „Ich glaub, das ist ein guter Vergleich. Also wenn man sich mit IT-Sicherheit beschäftigt, dann muss man ja auch erst mal so ein paar, nennen wir es Fachbegriffe, lernen und verstehen, was sind Trojaner, Phishing, wie funktioniert das alles und worauf muss ich achten. Und für mich war es ein ähnlicher Prozess, in diese ganzen Währungsrisikomanagement-Themen reinzukommen. Was sind Kassa-Geschäfte, was sind Devisen-Termingeschäfte, die entsprechenden Sicherheitsmechanismen, die musste ich tatsächlich erst mal lernen. Aber wenn man das erst mal verstanden hat, dann ist es auch wieder einfacher, das umzusetzen. Dann ist es auch nicht mehr so zeitintensiv.“
Was für den Computer das Virenprogramm oder die Firewall, das kann für das Absichern der Währungsrisiken das Tool mit dem Namen „S-Treasury Mittelstand“ sein.
O-TON Marjanovic: „Das ist ein Webtool, das ist ein Programm, das im Internet läuft. Und dort sieht man entsprechend die Kurse von den entsprechenden Währungen, die man haben möchte und kann dort das mit dem ERP-System, also mit dem firmeneigenen Buchungssystem dann verbinden. Oder entsprechend per Drag and Drop Excel-Tabellen hochladen, wo dann Forderungen und Verbindlichkeiten drin sind. Und man hat dann die Möglichkeit entsprechend direkt diese Währung auch zu sichern mit sehr einfachen Produkten. Es gibt eine gute Übersicht über die Dinge und man kann die Dinge sehr einfach importieren, aber auch eine Strategie hinterlegen. In dem System kann man dann zum Beispiel feststellen, ich möchte, dass 40 Prozent dieser Beträge gesichert werden, der Rest soll offen bleiben, das decke ich dann ein, wenn ich dann tatsächlich die Rechnung bezahlen muss.“
So entscheidet jetzt auch Annalena Horsch schon frühzeitig, wie viel Dollar sie sich für künftige Geschäfte zu aktuellen Kursen sichern will, damit sie nicht womöglich richtig draufzahlen muss, wenn dann die Rechnungen für Bremsen, Schaltkomponenten oder andere Teile bezahlt werden sollen.
O-TON Horsch: „Das heißt, ich weiß – exemplarisch – jetzt, dass ich 2024 Ware im Wert von Let’s say eine Million Dollar kaufen werde. Dann kann ich jetzt heute hergehen und kann sagen, okay, Herr Marjanovic, ich brauche im Januar 2024 eine Million Dollar, was für einen Kurs kannst Du mir heute zusichern, den ich dann im Januar 2024 sicher bekomme. Und dann habe ich das jetzt heute schon sicher und dann weiß ich für meine Planung, ich werde diesen Kurs haben, damit rechne ich jetzt.“
Genauso kann sie im Tool einstellen, dass sie schon eine bestimmte Menge an Dollars zusätzlich kaufen will, wenn der Kurs bestimmte Grenzen durchbricht und das Ganze dadurch attraktiv wird.
Dabei ist nicht das Ziel, ALLE Risiken abzusichern. Zu viele Dollar vorzuhalten, die man womöglich plötzlich doch nicht braucht, kann auch zu einem Problem werden. Genauso kann es ärgerlich werden, wenn der Dollar unerwartet wieder deutlich schwächer wird. Denn dann könnten alle diejenigen, die NICHTS abgesichert haben, entsprechend viel günstiger einkaufen als man selbst und hätten einen deutlichen Wettbewerbsvorteil.
Es geht also wie bei so vielen Dingen ums Abwägen.
Und das auch, wenn man eigentlich denkt: Ich habe gar kein Dollar-Risiko. Denn ich bezahle alle meine Rechnungen in Euro – auch wenn ich im Ausland kaufe. Dieses Argument bringen manche Kunden immer wieder mal an, erzählt Finanzfachmann Marjanovic. Das sind häufiger Unternehmen, die eine gewisse Größe und Stärke in ihrem Markt haben …
O-TON Marjanovic: „ … die für sich dann behaupten, okay, ich zwinge meinen Kunden oder meinen Lieferanten in Euro zu denken und der muss dann entsprechend die Rechnung in Euro akzeptieren oder mich in Euro bezahlen und dann habe ich kein Fremdwährungsrisiko. Das ist direkt zwar tatsächlich so, indirekt aber nicht. Weil immer dann, wenn man die Wirtschaftsräume durchbricht, also die Währungsräume, zum Beispiel in Asien einkauft und in Euro bezahlt, hat man indirekt genauso ein Währungsrisiko. Denn dann wird einfach der Euro-Preis teurer mittelfristig oder man hat das Problem tatsächlich, dass der Lieferant einfach seinen Vertrag nicht einhält. Man hat vielleicht einen Preis in Euro fixiert, der Lieferant hat aber keine Sicherung getätigt und löst einfach tatsächlich den Vertrag nicht ein. Und das ist ein Problem, das schon mehrfach vorgekommen ist. Dann können Sie mal versuchen, das einzuklagen – das wird meistens nicht funktionieren.“
Sobald Kunden oder Lieferanten selbst in anderen Währungen rechnen, müsse man das Thema auch im Hinterkopf haben, warnt Marjanovic. Es einfach zu ignorieren, helfe da nicht weiter.
Für Annalena Horsch gehört das Thema Risikomanagement immer noch nicht zu den absoluten Lieblingsthemen. Sie beschäftigt sich dann doch lieber mit ihren Rädern und neuen Ideen – aber nachdem sie mit dem Tool inzwischen warm geworden ist, geht ihr das Ganze deutlich leichter von der Hand.
O-TON Horsch: „Für mich ist es tatsächlich sehr relevant, ich würde behaupten, ich habe mehr in den Terminen und auch den Vorträgen mit unseren Bank- und Finanzpartnern über genau diese Themen, insbesondere Währungsrisiko, Währungsabsicherung gelernt, als zuvor, also während der Uni. Man kratzt es mal so an, aber ich konnte mir während der Uni da nur ganz schwer was drunter vorstellen. Und erst wenn man tatsächlich mal die ersten Dollar-Rechnungen bezahlt hat und sich dann mal angeguckt hat, wie das mit dem Kurs jetzt eigentlich funktioniert, so ging es mir zumindest, kommt man da so rein. Und für mich war es sehr, sehr wertvoll, mit der S-International da auch einen Partner zu haben, der mich da erst mal abholt. Was sind die verschiedenen Tools, welche Möglichkeiten habe ich eigentlich, wie funktioniert das genau, was kostet mich das. Und heute bin ich, würde ich behaupten, auf einem Level, wo ich tatsächlich auch anderen, auch anderen Firmen immer wieder mal Tipps geben kann, wo ich sagen kann, guck mal, wir machen das so und so. Wo die sagen, ach, ich wusste gar nicht, dass das geht, ja, da gibt’s so Tools – und das war für mich sehr, sehr wertvoll.“
So lässt es sich auch wieder etwas entspannter mit den anderen Themen umgehen. Die allerdings auch immer noch voller Risiken stecken.
Denn die E-Bike-Branche erfreut sich seit der Corona-Pandemie eines enormen Booms. Bilder von fast schon leergeräumten Fahrradgeschäften waren nach dem ersten Lockdown keine Seltenheit.
Einerseits zur Freude der Hersteller. Andererseits aber auch mit der Gefahr, dass es bald knallt wie bei einem Peitschenhieb. Der so genannte Bullwhip-Effekt, benannt nach einer langen Peitsche, macht nicht nur Annalena Horsch durchaus langsam Sorgen.
Hinter dem Effekt steht folgendes Bild: Bei einer schwingenden Peitsche wird vorne nur eine leichte Bewegung nach hinten zu einer immer größeren Welle, die sich am Ende viel stärker auswirkt als die Bewegung vorne vermuten lässt.
O-TON Horsch: „Und die Theorie dahinter besagt, dass eben kleine Auswirkungen vorne bei der Nachfrage sich durch die gesamte Lieferkette potenzieren und am Ende beim Hersteller oder Vor-vor-vor-Lieferanten einen großen Effekt haben werden. Und wir hatten jetzt ja durch den Boom Anfang von Covid nicht nur einen kleinen Effekt vorne, sondern einen riesigen Nachfrageschub vorne. Und die Theorie besagt, dass sich das durch die Lieferkette hindurch von Station zu Station aufsummiert, weil jeder mit ein bisschen Puffer und best-case noch ein bisschen was drauflegt. Und am Ende der Vor-vor-vor-Lieferant viel zu viel Ware produziert. Wenn er entsprechend seine Kapazitäten aufgebaut hat. Und umgedreht, jetzt spricht man ja auch von Rezession, von Inflation, wenn sich die Verbraucherstimmung abkühlt, dann gibt’s Glieder in dieser Kette, die auf viel zu viel Ware sitzen bleiben.“
Diese Angst mache hinter vorgehaltener Hand in der Branche durchaus schon die Runde. Denn die Frage ist, wer in einem solchen Fall möglicherweise wirtschaftlich nicht überleben wird.
Auch solche Risiken versuche man inzwischen stärker im Blick zu haben, sagt Coboc-Geschäftsführerin Horsch.
Immerhin aber hat ihr Unternehmen eines schon geschafft: Sie haben sich nicht nur einen Namen auf dem Markt gemacht, sondern inzwischen auch viele und ganz unterschiedliche Kundengruppen im Visier – nachdem man am Anfang ja gestartet war nach dem Motto: Kunden? Sind uns egal, wir wollen einfach ein geiles Rad bauen.
O-TON Horsch: „Die Palette ist tatsächlich sehr breit mittlerweile. Also man arbeitet da ja mit Personas, die man eben im Vorfeld definiert, die man charakterisiert und beschreibt, um eine bessere Idee davon zu haben, wie der Kunde eigentlich ist. Und da ist die Bandbreite mittlerweile echt weit. Also vom, nennen wir ihn Mittdreißiger, der in einer Großstadt in einer Agentur arbeitet und ein hippes, modernes Fortbewegungsmittel für die Stadt braucht bis hin – wir nennen sie Lifestyle-Rentner – bis hin zum Lifestyle-Rentner, etwas höheren Alters, aber rüstig, aktiv, wollen noch etwas erleben. Und alles dazwischen, Mütter, Leute, die zur Arbeit pendeln, Sportler, Freizeitradler – alles.“
Das alles in einer Zeit, in der immer stärker über alternative Mobilität nachgedacht wird, über Klimawandel diskutiert wird, in der eine steigende Zahl von Menschen lieber ein schickes E-Bike als ein neues Auto fahren will.
In einer Zeit, in der immer stärker über Nachhaltigkeit gesprochen und diskutiert wird.
Und so ein Fahrrad ist in puncto Nachhaltigkeit ganz weit vorne, argumentieren viele und haben ein entsprechend gutes Gewissen und Gefühl.
Da könnte man sich in einem Unternehmen, dass ein solches Produkt auf den Markt bring, doch entspannt zurücklehnen und sagen: Nachhaltig? Sind wir sowieso schon.
O-TON Horsch: „Sie haben das eigentlich schon sehr treffend wiedergegeben, was Sie gerade gesagt haben: Wir machen ja Fahrräder oder E-Bikes, also sind wir schon nachhaltig, ist auch ein Tenor, der in der Branche immer wieder vertreten wird. Aber die Tatsache, dass man mit seinem Produkt etwas für eine nachhaltige Veränderung auf der Welt tut, heißt ja noch lange nicht, dass dieses Produkt nachhaltig ist. Also wenn wir uns die Lieferketten anschauen, dann sind die oft alles andere als nachhaltig. Und insbesondere beim E-Bike, das ja im Batteriepack auf Lithium-Ionen-Zellen basiert, kann man nicht von Nachhaltigkeit sprechen.“
Darüber hat man sich zum zehnjährigen Jubiläum im vergangenen Jahr länger Gedanken gemacht und sich vorgenommen: So kann es nicht weitergehen. Wir müssen auch hier etwas tun, um auch selbst nachhaltiger zu werden.
O-TON Horsch: „Weil es bringt nichts, wenn wir am Ende zwar vermeintlich zwar bessere Fahrzeuge auf der Straße haben, die in sich aber immer noch Müll sind am Ende. Am Ende ihres eine-Lebens-Zyklus. Das bringt uns dann zur Kreislaufwirtschaft, zur circular-economy wie es auf Englisch heißt. Und das ist eine sehr spannende Frage, mit der wir uns seit dem vergangenen Jahr auch aktiv beschäftigen hier bei Coboc.“
Nachdem die Heidelberger vor einigen Jahren angetreten sind, um E-Bikes zu bauen, wie es sie vorher noch nicht gab, darf man also gespannt sein, wohin die Reise dann in Zukunft führt. Und wie wirklich nachhaltige Fahrräder vielleicht schon bald aussehen können.
DROP
Schön, dass sie wieder dabei waren.
Ich freue mich, wenn Sie auch in der nächsten Folge wieder dabei sind.
Da sind wir dann bei einer Firma, die eine echte „Marke des Jahrhunderts“ ist.
Lavera Naturkosmetik – ein Unternehmen, das auch zu den echten Vorreitern beim Thema Nachhaltigkeit gehört.
Und gegründet übrigens von einem Mann. Weil er selbst damals auf der Suche nach Cremes für „ihn“ war – die es aber nicht gab.
Wenn man nicht alles selber macht! Er hat’s getan – und heute ist Lavera in rund 40 Ländern zu haben.
Bis dahin, machen Sie’s gut.